„Ich bin Osnabrücker. Aber das sehen nicht alle so.“ Betroffener eines rassistischen Angriffs in Osnabrücker Innenstadt meldet sich nach Einstellung des Verfahrens erneut zu Wort

Foto: Yildiray Yücel Kamanmaz (Pixabay)

Über zwei Jahre nach dem rassistischen Angriff spricht der in Osnabrück engagierte Sozialarbeiter Badre erneut öffentlich über die bis heute anhaltenden Folgen der Tat. Auslöser ist die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, das Verfahren nach § 153 Abs. 2 StPO einzustellen – es bestehe „kein öffentliches Interesse“. Für ihn ist das ein Schock. „Es interessiert also niemanden. Wir dürfen geschlagen werden – und das habe ich jetzt sogar schriftlich.“

Der Angriff ereignete sich bereits im Herbst 2023 in der Osnabrücker Innenstadt. Zunächst wurde Badre von den zwei Tätern rassistisch beleidigt, schließlich auch körperlich attackiert. Dabei erlitt er Verletzungen im Gesicht. Medizinisch schien nach zwei Wochen alles verheilt. Doch Monate später zeigten sich die eigentlichen Folgen: Angstzustände, Schlafprobleme, Erschöpfungszustände sowie anhaltende körperliche Beschwerden. Situationen, die früher selbstverständlich waren, fallen Badre heute schwer. Jedes Jahr – besonders im Herbst – kehren Erinnerungen und Beklemmungen zurück. Die Betroffenenberatung Niedersachsen, die Betroffene nach rechten, rassistischen oder antisemitischen Angriffen unterstützt, kennt solche Verläufe allzu gut: „Gerade psychische Spätfolgen und dazu die Enttäuschung über eingestellte Verfahren sind eine große und langanhaltende Belastung für viele Betroffene,” betont Anna Eschbaum, Pressesprecherin der Betroffenenberatung. „Hier wiegt das Gefühl, nicht ernstgenommen und ungleich behandelt zu werden, besonders schwer.”

„Ich bin ein Mensch dieser Stadt. Aber das sehen nicht alle so.“

Dabei hatte Badre sich lange als festen Teil der Stadtgesellschaft verstanden. Nach seiner Ankunft in Deutschland erlebte er Offenheit und Hilfsbereitschaft. Er engagierte sich früh in einer Initiative für Geflüchtete und Menschen mit Migrationsgeschichte, übernahm Verantwortung im Vorstand und unterstützte zudem andere Menschen durch seine Arbeit in der Aids- und Drogenhilfe. „Ich bin Osnabrücker, ein Mensch dieser Stadt – ganz klar. Aber das sehen nicht alle so.“ Badre hat hier gearbeitet, sich engagiert, sich eingebracht. Gerade deshalb treffe ihn die Einstellung des Verfahrens besonders hart: „Dieses Gefühl von Zugehörigkeit war trügerisch. Wenn mir Gewalt angetan wird und es heißt, das sei nicht von öffentlichem Interesse – was sagt das über meinen Platz in dieser Gesellschaft?“

Einstellung des Verfahrens nicht nachvollziehbar

Die Reaktion der Polizei auf den Vorfall empfand er als sehr positiv: „Sie waren schnell vor Ort, haben gut reagiert und direkt erkannt, dass die Angreifer aus rassistischen Motiven heraus gehandelt haben.“ Unverständlich bleibt für ihn jedoch die Entscheidung der Staatsanwaltschaft: „Es gibt die Namen der Täter, es gibt einen Bericht, es gibt mich als Betroffenen. Was braucht es denn noch mehr?“ Dass das Verfahren dennoch eingestellt wurde, weist für ihn auf ein strukturelles Problem hin: Obwohl Beweise und Betroffenheit vorliegen, wird die Tat rechtlich nicht als ausreichend relevant für eine weitere Strafverfolgung bewertet. Und auch aus Sicht der Betroffenenberatung wirft der Fall eine grundlegende Frage auf: „Wenn selbst Fälle, in denen Betroffene körperlich verletzt werden und langfristige psychische Folgen erleiden, nicht als im öffentlichen Interesse liegend bewertet werden, stellt sich die Frage, welchen Stellenwert der Schutz vor rassistischer Gewalt im aktuellen System tatsächlich hat“, so Anna Eschbaum.

„Wäre das Verfahren auch eingestellt worden, wenn ich eine weiße Person angegriffen hätte?“

Mit der Einstellung des Verfahrens wuchs bei ihm das Gefühl, nicht den gleichen Schutz zu erfahren wie andere. Immer wieder stellt Badre sich nun dieselbe Frage: „Wäre das Verfahren auch eingestellt worden, wenn ich eine weiße Person angegriffen hätte?“ Dabei habe er lange an das Versprechen des Rechtsstaats geglaubt. „Im Grundgesetz steht doch: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Ich habe es mir sogar ausgedruckt, es immer wieder nachgelesen. Aber wir sind nicht gleich. Ich erlebe das jeden Tag.“

 

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Pressekontakt
Anna Eschbaum (sie/ihr)

Betroffenenberatung Niedersachsen
Beratung bei rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt

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