Fünf Jahre Betroffenenberatung Niedersachsen! Ein Anlass, den wir mit einer besonderen Jubiläumsveranstaltung im Cinema Arthouse in Osnabrück gewürdigt haben: Im Rahmen der Sonntagsmatinée lief dort am 26. Oktober 2025 der Film „Das deutsche Volk“ von Marcin Wierzchowski. Anschließend teilte Armin Kurtović, Vater des ermordeten Hamza Kurtović, seine Erfahrungen als Hinterbliebener des rechtsterroristischen Angriffs in Hanau im Jahr 2020.
Say their names: Fatih, Ferhat, Gökhan, Hamza, Kaloyan, Mercedes, Said Nesar, Sedat, Vili.
In der Nacht zum 19. Februar 2020 erschoss ein Rassist in Hanau neun junge Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.
Über vier Jahre hinweg begleitete Regisseur Wierzchowski die Hinterbliebenen und Überlebenden des Anschlags mit seiner Kamera in ihrem Ringen um Trauer, Erinnerung und Gerechtigkeit. Entstanden ist ein eindrucksvolles Porträt von Menschen, die trotz ihrer Erfahrungen nicht verstummen – sondern Aufklärung fordern, Solidarität leben und für gesellschaftliche Teilhabe kämpfen.
“Ich habe immer gedacht, wir leben in einem Rechtstaat.”
Wierzchowskis Videobotschaft am Ende des Films bot spannende Einblicke in dessen Entstehung: er sprach über den Moment, in dem er – selbst Hanauer – vom Anschlag erfuhr, über das Kennenlernen der Initiative 19. Februar und den ersten Begegnungen mit den Betroffenen, bis daraus die Idee erwuchs, ihnen filmisch ein Denkmal zu setzen und auch den Verlauf der Ermittlungen und Nachforschungen durch die Angehörigen selbst nachzuzeichnen.
Im anschließenden Filmgespräch verurteilte Armin Kurtović dann die aus seiner Sicht mangelhafte Aufarbeitung und auch den Umgang der Behörden mit den Hinterbliebenen. Denn selbst fünf Jahre nach dem Anschlag gibt es keinen Prozess – und der Klageerzwingungsantrag von Familie Kurtović beim Oberlandesgericht Frankfurt wurde ebenfalls abgelehnt. „Da kommen keine Ermittlungen zustande, kein Gutachten wird anerkannt. Das ist politisch einfach nicht erwünscht“, erklärt Kurtović erschüttert. „Und ich habe immer gedacht, wir leben in einem Rechtsstaat.“
Fünf Jahre im Kampf um Gerechtigkeit und Anerkennung
„Wir werden bis nach Straßburg, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, wenn das nötig ist“, kündigt Kurtović an. Denn wäre ein Notausgang am letzten Tatort, in der Arena Bar, nicht verschlossen gewesen, könnte sein Sohn womöglich noch leben – zu diesem Schluss kommen zumindest die Berechnungen der britischen Rechercheagentur Forensic Architecture, die im Auftrag der Angehörigen agierte.
Der Schritt nach Straßburg wäre für die Familie vor allem eines: der Versuch, die staatliche Verantwortung für mögliche Behördenfehler juristisch überprüfen zu lassen, nachdem nationale Stellen dies aus Sicht der Angehörigen nicht ausreichend getan haben. Hier möchten sie geltend machen, dass der deutsche Staat seine Schutzpflichten verletzt habe – etwa durch fehlende bzw. verschlossene Fluchtwege, das am Tatabend nicht funktionierende polizeiliche Notrufsystem oder mangelhafte Ermittlungen.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte könnte zwar kein Strafverfahren gegen Einzelpersonen anordnen, aber etwa feststellen, dass staatliche Stellen ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen verletzt hätten, und damit den Druck erhöhen, strukturelle Versäumnisse offenzulegen und aufzuarbeiten. Denn: Die Urteile des Gerichtshofs sind verbindlich — und der betroffene Staat ist verpflichtet, sie umzusetzen.
Solidarität und Anteilnahme aus Osnabrück
Als das Filmgespräch schließlich auch für das Publikum geöffnet wurde, erhielt Kurtović nicht nur interessierte Nachfragen etwa zur Arbeit der Initiative, zu seinem Plänen für die Zukunft oder zu seinem Verhältnis zum Glauben. Es erreichten ihn vor allem zahlreiche Worte der Anteilnahme und des Mitgefühls. Denn auch im Publikum saßen Menschen, die sich nicht zuletzt seit dem Anschlag in Hanau als Osnabrücker*innen mehr und mehr die Frage stellen, ob sie und ihre Familie hier in Zukunft noch sicher sind.
Wir bedanken uns in erster Linie bei Familie Kurtović und Marcin Wierzchowski, die uns diese Einblicke ermöglicht haben sowie beim Cinema Arthouse in Osnabrück für die Umsetzung und den technischen Support unserer kleinen Jubiläumsveranstaltung
Übrigens: Bei Commonsplace wurde ein Spendenpool eingerichtet, um Familie Kurtović mit einer Spende zu unterstützen, die die Gerichtskosten sowie die Kosten für Anwält*innen und Gutachten tragen sollen.


